#52 Rückblick: Georgien – Klein, aber oho

Georgien war eines der Länder, die wir in unserer ursprünglichen Planung gern besucht hätten, aber einfach nicht in die alte Route passten. Aber nun ist Georgien zu unserem perfekten Sprungbrett nach Asien geworden. Das Land hat nur 3,7 Mio. Einwohner:innen (das sind ziemlich genauso viele Menschen wie allein in Berlin leben), fast jeder Dritte davon lebt in der Hauptstadt Tifilis. Insgesamt ist der eurasische Staat sehr klein – gerade mal so groß wie Bayern. Hinzu kommt, dass mehrere Landesteile sich der Kontrolle der  Georgischen Regierung entziehen und eine eigene Regierung stellen, die unter dem Protektorat russischer Truppen steht – die autonomen Republiken Abchasien und Südossetien.  

Durch den Krieg gegen die Ukraine, kommen sehr viele Russen und Russinnen in das kleine Land. Schätzungen (des ZDF zu Folge) kamen seit Beginn des Krieges über 300.000 Menschen aus Russland. Die Georgier:innen sind darauf gar nicht immer so gut zu sprechen. Sie fühlen sich mit der Ukraine verbunden und haben sogar eine Ukrainisch-Georgische Flagge als Solidaritätsbekundung kreiert. Viele, die kommen, gehören eher zu einer wohlhabenden russischen Schicht, was sich schon in gestiegenen Mietpreisen in Tifilis bemerkbar macht.

Auch wir haben gleich an einem unserer ersten Abenden in Batumi einen jungen Russen kennengelernt, der bereits im Frühjahr vor einer möglichen Wehrpflicht geflüchtet ist. Er sprach perfektes Deutsch und hofft als Programmierer dort einen Job zu finden, auch wenn er eigentlich von einem Studium in Deutschland träumt. Er erzählte uns achselzuckend, dass sein Begleiter vor ein paar Tagen an der Strandpromenade von einem angetrunkenen Georgier eine rein bekam, einfach so ohne Vorwarnung. Gleichzeitig hatte am Meer fast jedes Restaurant oder Café, einen jungen russischen Angestellten. Es ist eben komplex.

Nach 11 Wochen Türkei, die uns wirklich überzeugt hat, haben wir uns dennoch auf das neue Land gefreut. Absolut erwähnenswert ist die georgische Küche – nun gut, das gilt für diejenigen, die Koriander mögen. Speisen wie die Pkhali (bestehend aus Spinat-Walnuss-Paste), gefüllten Auberginen, Khinkalis (gefüllte Teigtasche), Chatschapuri (mit Käse oder Bohnen gefülltes frisches Brot) … schwärm.

Und nach der Türkei, wo es nicht so verbreitet war, Alkohol zu trinken, haben wir uns doch sehr gefreut, in eine der ältesten Weinregionen der Welt zu kommen. Wer die Möglichkeit hat, dem empfehlen wir sehr, mal ein georgisches Restaurant auszuprobieren oder gleich einen Urlaub zu buchen. 

Vom Fahrstil her erinnerte uns Georgien sehr an Albanien. Es gab wenig, bis kein Erbarmen für uns. Wild hupend wurden wir viel zu nah überholt. Die Autos untereinander überholten sich, indem sie gnadenlos in den Gegenverkehr mit Lichthupe fuhren, so dass wir nur beim Zugucken einen Herzkasper bekamen. Der einzige Unterschied: in Albanien wären wir von einer hochglanzpolierten Luxuskarosse umgenietet worden, in Georgien von einer verbeulten Karre ohne Spoiler oder Heck – die hat es nämlich schon bei einem vorherigen Unfall verloren. Für uns wirkten die ganzen fahrenden Wracks, als wäre der Straßenverkehr eine einzige Autoscooter-Schlacht.

Von Batumi nach Kutaissi 

Doch frisch im Land angekommen, hüteten wir zunächst in Batumi vor allem das Bett. Da Anke erstmal von ihrer Ohrenentzündung genesen musste und auch Dana einfach mal von türkischen Feldwegen und dem Regen ausspannen wollte.

Dabei liegt Batumi gerade mal 30 km von der türkischen Grenze entfernt und ist bei Türken sehr beliebt. Denn in der muslimischen Türkei ist Glücksspiel und Trinken in der Öffentlichkeit verboten, im Gegensatz zum christlich orthodoxen Georgien. So besteht die Küstenstadt nicht nur aus vielen Casinos, sondern auch aus reichlich Wechselstuben.

Von der Küste ging es für uns über Poti weiter ins Landesinnere, Richtung Kutaissi. Die Landschaft war wunderbar saftig grün. Die Berge – links der Kaukasus, rechts der Rand des Armenischen Hochlands – begleiteten uns. Und all die Tiere, die die Georgier:innen im Allgmeinen so halten, wuselten neben oder auch auf der Straße umher. Kühe, Schweine und Geflügel rannten einfach frei rum, auch auf großen Straßen. Wie da alle ihr Vieh wiederfinden, hat sich uns mal wieder nicht erschlossen.

Und dann wartete ein kleines Highlight auf uns: Unsere Freunde Arne und Soehnke hatten sich wieder angekündigt (ihr bereits dritter Besuch auf unserer Reise). Dafür düsten wir mit dem Zug von Kutaissi nach Tiflis, eine Strecke, die wir eigentlich radeln wollten. Doch auch der ländliche Zug ist ein kleines Ereignis. Am Bahnhof gab es scheinbar gerade kein Internet, also bastelten drei Bahnangestellte liebevoll unsere Tickets, schnippelten interessante Formen hinein, beschrifteten sie handschriftlich. Der Schaffner persönlich schloss unsere Räder im letzten Gang ein und brachte uns zum Platz. Ganze 5 Stunden brauchte die unterkühlte Bahn für gerade mal 230 km. Im Zug bekamen wir noch eine handschriftliche Quittung, die wir ordentlich unterschreiben mussten. So schön ist Bürokratie in der Bahn.

Tifilis – Arne und Soehnke

Aber es hat sich gelohnt. Das Wochenende als 4er-Gang war Entspannung pur. Nicht nur hatten wir ein wunderbar warmes und sauberes Appartment (Danke ihr beiden!!!), wir besuchten zudem ein Schwefelbad, probierten die Straßenhunde mit einer alten Wurst zu füttern, zockten Trinkspiele – Danas Highlight: Als Soehnke mit britischen Akzent nur noch in Reimen sprechen musste (er ist ein Naturtalent) –, malten kreative Bilderrätsel und haben uns durch unzählige Restaurants gefuttert. Und die Beiden versorgten uns wieder mit neuer Technik. Halleluja! 

Tifilis lässt sich übrigens recht einfach zusammenfassen: volle Kanne Hipster-Stadt. Es gibt tolle Vintage-Cafés, Barbershops mit coolen, bärtigen, tätowierten Friseuren, alternative Klamotten, Brettspielebars und fancy Restaurants. Diese wuselige Stadt auch noch mit lustigen Freunden zu entdecken, war schlicht fantastisch für uns. Am ersten Abend, gab es gleich so viel Wein, dass der Spaziergang zur „Mother of Georgia“ eher in gemütlicher Stimmung verlief. Dana bekam trotzdem Muskelkater (laufen ist einfach nicht ihr Ding).

Gori: Das skurrilste Museum der Welt – Das Stalinmuseum

Nach 4 Tagen „Friends“ beschlossen wir, den übersprungenen Weg von Kutaissi nach Tiflis einfach rückwärts zu radeln. Und da lag auf der Strecke das Städtchen Gori. Oh wow, was für ein Erlebnis. In Gori – Stalins Geburtsstadt – befindet sich seit 1957 das Stalinmuseum. Wir buchten eine Tour auf Englisch und wurden sogleich zum Appell gerufen. Die Museumsführerin war eine Mischung aus Domina und Stalins Nichte, gepaart mit dem etwas kühlen georgischen Charme. Wir wurden im Stechschritt durchs Museum gelotst und in strengem Ton belehrt, was wir dort alles sahen. Dass der stählerne Mann Georgier war, wurde immer wieder stolz betont und gab der gesamten Führungen einen noch weiteren skurrilen Touch. Die Gulags und die Verfolgung von politischen Gegnern fiel weitestgehend unter den Tisch, während ein ganzer Raum allein für seine Geburtstagsgeschenke von anderen Staatschefs reserviert war. Wir waren froh, als das letzte unfreundliche Good-bye von der Museumsangestellten erklang und entschieden uns dagegen, im Museumsshop einen Stalin-Fanartikel wie eine Tasche oder einen Ansteckbutton mit seinem Konterfei zu erwerben. 

Okatse Canyon – Offroad mit dem Ranger

Auf dem Weg zum „Okatse Canyon“ schliefen wir in einigen typisch georgischen  Unterkünften. Kleine, private Häuser, meist mit Garten, Weinanbau und Tierhaltung. Küche und manchmal das Wohnzimmer wurden mit einem alten, eisernen Holzofen geheizt. Schlafzimmer und Bad blieben kalt. Bei mitunter 0 Grad nachts, verbrachten wir abends viel Zeit in den privaten Küchen der Vermieterinnen. Und da gab es obendrein georgische Hausfrauen-Kost natürlich mit Wein für uns. So kamen wir Land und Leuten erfreulich nah.

Auch am Canyon schliefen wir bei einer frauengeführten Familie. Morgens, mittags, abends wurden wir mit selbstgemachten Bioprodukten versorgt, ob wir wollten oder nicht. An der Schlucht gibt es einen 780 m langen, hängenden Aussichtsweg mit einem etwas beängstigenden Blick in die Tiefe. Als es auf dem Rückweg leicht zu regnen begann, wurden wir zu all der Schönheit auch noch mit einem perfekten Regenbogen belohnt. 

Doch das eigentliche Highlight wartete noch auf uns: Am Ausgang trafen wir zufällig den Sohn unserer Vermieterin, der als Ranger im Besucherzentrum arbeitet und gerade seinen Feierabend verkündete. Spontan bot er uns an, zusammen mit seinen Kollegen im Jeep zurückzufahren. Eine exklusive Adventure-Offroad-Tour? Nur für uns? Klar, da waren wir sofort dabei! 

Für diesen abenteuerlichen Trip hätten die Jungs locker 50 € berechnen können, so großartig war es. Wir standen kichernd auf der Ladefläche, klammerten uns an einer Stange fest und holperten dabei über Stock und Stein. Mit knirschenden Reifen kämpfte sich der 4×4 steil bergauf, über Geröll und Matsch. Ohne Vierradantrieb keine Chance. Und als wäre das nicht schon aufregend genug, ging genau in diesem Moment die Sonne unter und warf ihr rotes Licht auf die bunt herbstlich gefärbten Bäume, während sich die dunklen Gewitterwolken im Hintergrund aufbauten. Einfach filmreif.

Juhu! Unsere Fahrt mit den Rangern.

Goodbye Georgien – Ein zweites Mal Tiflis

Mit diesem Abenteuer in den Bergen gelangte unser Georgien-Trip zum Ende. Noch einmal fuhren mit dem Zug von Kutaissi nach Tiflis – der Schaffner kannte uns ja bereits. Zum Glück hatten wir die Hauptstadt schon reichlich besichtigt, denn unser zweiter Tifilis-Aufenthalt stand unter dem Orgastern. Nach 7.700 km wollten wir unsere Fahrräder ordentlich durchchecken lassen, bevor wir sie auf einem neuen Kontinent einsetzen. Es mussten Kartons für unsere Räder gefunden werden, damit sie flugbereit wurden und wir brauchten große leichte Taschen, da wir nicht 12 kleine Satteltaschen aufgeben konnten. Außerdem mussten Teile unserer Fahrräder im Aufgabegepäck verstaut werden.

Nach all der Orga mussten wir Abends noch mit der wein- und schnapstrinkenden Nachbarsfamilie socializen, die uns erst nach mindestens drei Gläsern Tschatscha entließen. Als einziges touristisches Highlight besuchten wir immerhin die wirklich hippe und sehenswerte „Fabrika“.

Zum Glück schafften wir das ganze Orga-Zeug letztlich ganz gut. Für den Weg zum Flughafen waren wir so nervös, dass wir uns das größte Gefährt des Taxiunternehmens bestellten. Als wir dann alleine in einem 16-sitzigen Bus saßen, kamen wir uns schon ein bisschen doof vor. 🙈 Aber immerhin hatten all unsere verpackten Sachen und die Räder ordentlich Platz.

3 Wochen hatten wir insgesamt für Georgien Zeit. Nur leider war es Ende Oktober, Anfang November teilweise schon ganz schön frisch. Die perfekte Reisezeit für das postsowjetische Land ist sicherlich September oder das Frühjahr. Landschaftlich und kulinarisch sind wir hin und weg. Wir schreiben jedenfalls neben Griechenland und der Türkei auch Georgien auf unsere Wir-kommen-zurück-Liste. Zum Radeln ist es (abgesehen von dem rüpelhaften Verkehr) wunderbar, wir fanden immer wieder kleine, gut asphaltierte Nebenstraßen. 

Doch nun geht es für uns erstmal durch Asien. Es warten Kambodscha, Laos und Malaysia auf uns. Hier sind die winterlichen Monate schön warm. Mal sehen, wo wir dann Weihnachten und Silvester stecken. Genügend Weihnachtsdekoration und kitschige Songs sind uns jetzt schon begegnet.

Du findest unsere Reiseberichte toll? Oder magst uns einfach so unterstützen? Wir freuen uns über jeden Euro, denn davon können wir auch unvorhergesehene Kosten (wie Reparaturen) decken oder uns mal eine kleine Pension gönnen.

Veröffentlicht von Fabulous Female Cyclists

Ich bin gerade 14 Monate mit dem Fahrrad unterwegs. Berlin-Sydney

4 Kommentare zu „#52 Rückblick: Georgien – Klein, aber oho

  1. Nach den Bildern zu urteilen, ist die Fabrika eine wahrhaftige Zeitreise in die 80er. Ich fühlte mich jedenfalls sehr zurückversetzt. Hach ja *seufz*
    Den Reisetipp nehmen wir jedenfalls ernst. Die georgische Schrift ist übrigens auch großartig.

    Gefällt 1 Person

    1. Na, wenn ihr erstmal gut in eurer neuen Unterkunft angekommen seid, ist es bis Tiflis nicht mehr sooo weit.🛫👨‍✈️

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  2. Ich hinke ja leider etwas hinterher mit dem Lesen eurer Berichte. 😳 Aber wow, die Landschaft von Georgien ist ja der Hammer! Die Bilder, auf denen der Kaukasus zu sehen ist… 🤩😍 Und die Fabrika wäre für mich natürlich auch ein Paradies zum Fotografieren.

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