#51 Rückblick: Wwoofen, Radeln, Hamam – einmal durch Anatolien

Thailand! 🇹🇭 Wow. Bereits seit einer Woche sind wir in dem südostasiatischen Staat und radeln ganz beseelt bei knackigen 30 Grad an der Küste Richtung Kambodscha. Übrigens die Auflösung von unserem vorherigen Text: Nach drei Tagen Bangen kamen unsere Räder gerade noch rechtzeitig vorm Auschecken aus dem Bangkoker Hotel an. Nun heißt es für uns zum ersten Mal Linksverkehr … aufregend. 

Unser letzter ausführlicher Reisebericht liegt schon eine Weile zurück. Leider gab Ankes Handy in der Türkei den Geist auf und mit nur einem verbleibenden Smartphone bewaffnet, waren wir technisch doch ganz schön eingeschränkt. Dafür kommt jetzt ein Reisebericht in Xtra-large und in 2 Teilen – Türkei und Georgien stehen an. Also habt ihr Heißgetränk, Kekse und Kuscheldecke bereit? Dann geht`s jetzt mit der Türkei los:

Wwoofen in der Türkei

Oh, wow. Das ging erstaunlich leicht, einen Hof in der Türkei zu finden. Schon nach kürzester Zeit erhielten wir gleich mehrere positive Antworten auf unsere Anfrage, drei Wochen auf einer Bio-Farm mitzuhelfen. 🧑‍🌾👨‍🌾🌿🌱🐔

Aus der Großstadt Izmir radelten wir beschwingt in Richtung unseres Wunschhofes. Zum Glück lag der sehr nah, so dass wir nur eine Nacht wild zelteten. Schnell fanden wir eine schöne Stelle auf einer kleinen Anhöhe ganz in der Nähe eines schnuckeligen Dorfes; fantastischer Blick ins Tal inklusive. Neben uns saß noch ein Wein trinkender Mann und genoss ebenfalls die Aussicht. Als er sah, dass wir anfingen unser Zelt aufzubauen, wurde er plötzlich nervös. Mit Hilfe von „Google Translate“ versucht er uns klarzumachen, dass es dort viel zu gefährlich sei. Es gäbe … Hunde! Die größte Gefahr seien auf der Anhöhe jedoch die „trinkenden Männer“. Spontan rief er seinen Cousin in Köln an, der uns bat, die Telefonnummer von Hakan – dem Weintrinker – anzunehmen. So dass wir, falls wir Probleme mit anderen trinkenden Männern bekämen, ihn sofort anrufen könnten. Hakan genoss noch ein bisschen seinen Wein und machte sich schließlich besorgt von Dannen. Wir legten uns dagegen beruhigt ins Zelt. Nach dieser sympathischen Begegnung hatten wir nun wirklich keine Angst mehr vor den angeblichen Trinkern.

Am nächsten Tag holte uns Türkan von der nächstgelegenen Kleinstadt ab. Glücklicherweise! Denn von da ging es steil bergauf … auf einer unbefestigten Straße. Der Hof lag irgendwo im türkischen Nirvana. Türkan und Veysi, unsere Hosts für die nächsten drei Wochen, waren gerade mal vor 3 Monaten in ihr neu errichtetes Haus gezogen. Da Veysi sowohl Zimmermann als auch Innenarchitekt ist, haben sie alles selbst gebaut, teilweise aus gefundenem Holz oder recycelten Baumaterialien. Geschlafen haben wir beide allerdings in einer Jurte, die natürlich auch selbst errichtet war und mitten im Olivenhain stand. Veysi hat sich sogar einen kleinen Ruf als Jurten-Bauer in der Region erschaffen. Wir fanden das Schlafen in so einem Luxuszelt wildromantisch, haben es gleichzeitig sehr genossen, dass wir ein niegelnagelneues Badezimmer im Haus hatten und sogar eine geräumige Gemeinschaftsküche mit Spülmaschine.

Unsere Arbeitskraft wurde zum Glück nicht überansprucht. Klar, haben wir fleißig mit angepackt, wenn es was zu tun gab. Walnüsse mussten von den Bäumen geschlagen sowie eingesammelt werden, bevor sie liebevoll händisch von der grüne Schale befreit wurden. Feigen haben wir in heißem Wasser mit Kräutern über dem Lagerfeuer gekocht und zum Trocknen in Form gebracht. Und zwischendurch wurde eine Bank oder ein Badezimmerschrank gezimmert. Nachmittags hatten Türkan und Veysi oft nicht mehr so großen Elan, so dass wir einfach entspannen konnten oder türkische Leckereien schnabulierten. 

Insbesondere den großen Freundeskreis der Beiden genossen wir sehr: Da gab es Özgur, der aufwändige Brautkleider für wohlhabende Araberinnen designt, aber viel lieber traditionelle türkische Musik auf einem Tambur spielt. Einen Abend versuchten wir „Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel in sein Programm zu integrieren und probierten uns als Sängerinnen. Wer unsere Gesangskünste kennt, weiß, dass es ein lustiger Abend war, wenn auch nicht unbedingt musikalisch anspruchsvoll. 

Ansonsten gab es den Astro- und Raumfahrtwissenschaftler, der im Tausch für Hühnerfutter ein paar Tiere für seine eigene Hühnerzucht bekam. Oder die beiden Physikprofessoren, die sich in der Nähe ein Grundstück kauften und deren Suche nach einer Wasserquelle mit einem gemieteten Bagger für reichlich Aufsehen in der Gegend sorgte. Anke wurden sogar die Tarotkarten von einem ehemaligen Ingenieur aus Chile gelegt. Kurz: es war fast jeden Abend was los. Es wurde gekocht, getanzt, musiziert, diskutiert und gelacht … und wir mittendrin. 

Wunderland: Kappadokien

Nach drei Wochen Landleben brachen wir wieder auf. Ab nach Kappadokien. Darauf haben wir lange hingefiebert. Unsere Idee, spontan mit dem Zug von Izmir nach Kayseri zu fahren, wurde leider am Bahnhof zunichte gemacht. Langstrecken-Züge muss man auch in der Türkei rechtzeitig buchen. Also waren wir erstmal gestrandet. Doch nach einiger Recherche kam die Lösung – der Fernbus. Nur fahren die Überlandbusse in der Türkei nachts. Uns hat es sich bis jetzt nicht erschlossen, wie die Menschen in den ganzen winzigen Käffern, um absurde Nachtzeiten zu den entlegenen Fernstraßen oder Busbahnhöfen kommen. Aber uns erschließt es sich ja oft nicht, wie sich andere Menschen ohne Fahrrad bewegen können. 😜🚴‍♀️

Als wir völlig erschöpft (nach Bus und Radtour) an unserer Unterkunft in Ushisar ankamen, hatten wir nicht mit DEM ENTGEGNER gerechnet. Die ungefähr vierjährige Tochter des Besitzers stürzte sich mit lautem Geschrei auf unsere geliebten Fahrräder, kletterte wild auf ihnen herum, malträtierte die Klingel und fummelte an jeder Schraube. Das schien außer uns niemanden zu interessieren. Wir sahen im Geiste schon, wie DER ENTGEGNER unser Rad gewissenhaft in jedes Einzelteil zerlegt… Doch zum Glück ist die Aufmerksamkeitsspanne von aufgedrehten Kleinkindern nicht allzu lang und so wandte sie sich schnell anderen Gästen zu.

Auf Raten unseres Gastgebers beschlossen wir, die fantastische Landschaft von Kappadokien mit dem Fahrrad zu entdecken. Den Tipp unsere Fahrräder auf den verschlungenen Wanderwege mitzunehmen, haben wir schnell verflucht. Wir hievten und stupsten unsere Fahrräder durch die Täler. 

Neben den faszinierenden Felsformationen ist Kappadokien für seine von Menschen gemachten Höhlen bekannt, die nicht nur kleine Aufenthaltsräume oder Kirchen bieten, sondern gleich ganze unterirdische Städte mit mehreren Etagen. Tausende Menschen konnten dort einst Zuflucht finden. Ausgeklügelte Luftschächte, Wasserversorgung, Lebensmittelkammern und Weinräume – alles was man im Verteidigungsfall eben so braucht.

Und dann gab es natürlich noch die berühmten Heißluftballone. Früh morgens steigen jeden Tag hunderte bunte, leuchtende Kugeln in die Luft. Der Preis für eine Fahrt (ab 150 Euro pro Person!) war für uns schlicht zu hoch. So entschieden wir uns, die Ballons „nur“ zu bestaunen. Dafür mussten wir wieder mit den Bikes – und diesmal mit Gepäck – in die Täler. Fluchend schoben wir sie auf einen Kamm. Aber es hat sich sowas von gelohnt!!! Wir fanden den perfekten Spot. Morgens wachten wir in unserem Zelt von den Geräuschen der Ventilatoren auf, die die Ballonhüllen aufpusteten. Dann erschienen im Dunkeln die ersten Lichter der Gasbrenner. Und schon stiegen im Sonnenaufgang rechts und links von uns die riesigen Ballone auf. Wir wussten gar nicht, wo wir zuerst hinschauen sollten, rannten total euphorisiert hin und her. „Schau hier!“, „Nee, guck mal da!“ … Begeistert jubelten wir den Fahrenden zu und sie jubelten zurück.

Nur einen kleinen Wermutstropfen gab es: Genau in diesem Moment gab Ankes Handy seinen Geist auf. Über drei Wochen mussten wir ohne zweites Phone klarkommen. Da merkten wir noch einmal mehr, wie abhängig wir doch von der Technik sind. Dana musste plötzlich fast alles übernehmen, Route planen, navigieren, Unterkünfte suchen, Sehenswürdigkeiten checken … Ankes Versuch sie mit dem Browser des E-Readers zu unterstützen, führten eher zu weiteren Nervenzusammenbrüchen (das Gerät ist einfach wahnsinnig langsam). Unsere Erlösung kam erst in Tifilis (Georgien). 

On the Road Again – Ab zum Meer

Doch zunächst brachen wir in Richtung Süden auf. Weil wir die großen Schnellstraßen vermeiden wollten, landeten wir leider auf holprigen, steinigen, schlammigen und löchrigen Feldwegen. Nach drei Tagen war Ankes Laune angesichts der mühsamen Strecke … sagen wir mal … nicht ganz so weit oben. Natürlich gab es auch hier einen entscheidenden Pluspunkt: Da wir durch lauter kleine Dörfer kamen, in die sich sonst kaum Tourist:innen verirren, riss man uns teilweise schon von den Rädern, damit wir ja einen Tee tranken und an einem selbstgebackenen Teilchenknabberten. Auffällig für uns: Diese Gegend schien einst ein Gastarbeiter:innen-Abkommen mit Holland gehabt zu haben. Überall erspähten wir niederländische Kennzeichen und trafen holländisch sprechende Türken. Anke verstand das ganz gut.

Aber ein Erlebnis blieb uns besonders in Erinnerung. Wir radelten einigermaßen fröhlich auf einer großen Schnellstrasse (irgendwann hatten wir dann doch die Schnauze voll von den holprigen Feldwegen), als wir bereits von der Ferne dunkle Gewitterwolken erblickten. Weit und breit kein Dorf, keine Möglichkeit das Zelt aufzuschlagen. Uns blieb leider nichts anderes übrig, als sehenden Auges in den Wolkenbruch zu fahren. Angesichts der herunterkommenden Wassermassen, sahen wir uns irgendwann gezwungen die Tour abzubrechen. So eine Regenjacke schützt eben nur begrenzt. Irgendwann gibt die beste Imprägnierung auf. Doch was tun? Nun denn, „no risk, no fun“. Also stellten wir uns triefend an den Straßenrand. 

Auf die Hilfsbereitschaft in der Türkei kann man vertrauen. Gleich das fünfte Fahrzeug hielt an: ein riesiger LKW, der obendrein zwei tonnenschwere Steine geladen hatte. Als wir dann in der warmen gemütlichen Fahrerkabine saßen, wollten wir beide spontan auf Lastwagenfahrerinnen umsatteln – so schön war es. Der Boden mit flauschigem Teppich ausgelegt, die Armaturen mit kleinen Deckchen verziert, es war super warm und natürlich trocken. Und alles mega modern. Statt Seitenspiegel hatte der immense Mercedes Monitore und Außenkameras. Hach, wir kamen aus der Begeisterung gar nicht mehr heraus. 

Mittlerweile war es Ende Oktober und so langsam wurde es im Landesinnern zu kalt für uns. Nachts gab es sogar Minusgrade, das war nichts für uns. Also nahmen wir wieder einen Bus – natürlich die Nachtfahrt (wussten wir ja schon) – und fuhren wieder zum Schwarzen Meer. Bei Rize landeten wir in einer Teeanbauregion. So erstreckte sich das Meer links von uns, gleichzeitig staunten wir rechts über die grünen Berghänge mit Tee. 

Goodbye Türkei – Zum Abschluss in den Hamam

Wie immer galt für uns die Regel, jede Situation hat auch ihren Vorteil. So haben wir es Dank der Kälte nach über 2 Monaten in der Türkei endlich in einen Hamam geschafft. An einem Sonntag betraten wir schüchtern und unerfahren das Frauenbad. Nachdem geklärt wurde, dass Dana tatsächlich zum weiblichen Geschlecht gehört, haben wir uns die volle Wohlfühlpackung gegönnt: Peeling, Massage, Waschen und Sauna. Unsicher betraten wir den Baderaum. Doch eine umsichtige Mitarbeiterin, schritt voraus und rief lauthals in den sonntäglich gefüllten Raum: „Achtung, hier kommen deutsche Touristinnen“. Jut, damit wussten dann wohl alle Bescheid. 

Wir wurden liebevoll von einer Station zur nächsten gestupst und wenn es mit der Verständigung gar nicht mehr klappte, wurde eine perfekt schwäbelnde Türkin als 

Übersetzerin gefunden. Das Peeling war allerdings weniger liebevoll, dafür wirklich sehr effektiv. Nie zuvor haben wir so viel Haut gelassen. Für die anschließende Massage wurde jeweils ein viertel Liter Flüssigseife über uns gegossen und wir ordentlich durchgeknetet. Wir waren begeistert! Selten fühlten wir uns so potentief rein.

Nur leider bekam Anke im Anschluss ihre „Bade-Otitis“ (den Begriff gibt es wirklich!). Sprich eine Gehörgangentzündung durch warmes Wasser. Das war leider gar nicht so schön. Nach einer unruhigen Nacht im Zelt an der Schnellstrasse, bei der Anke sich mit Fieber, Schmerzmitteln und anhaltenden Ohrenschmerzen durchkämpfte, war klar: weiter radeln im Regen ist nicht drin. Schnell fragten wir morgens an der Raststätte zwei Pickupfahrer, ob sie uns bis zur Grenze mitnehmen könnten. Schwuppdiwupp, landeten die Räder auf der Ladefläche und wir fuhren die letzen Kilometer bis zur georgischen Grenze trocken im Auto. 

Alles in allem hat uns die Türkei wahnsinnig gefallen – die Gastfreundschaft, das Essen, die Landschaft. Eines Tages kommen wir wieder, vielleicht ja sogar mit dem Rad, schließlich gibt es noch viele Ecken, die wir nicht gesehen haben.

Aber zunächst ging es für uns nach Georgien. Und den ausführlichen Reisebericht hierzu gibt es schon diese Woche, schließlich liegt auch dieses mannigfaltige Abenteuer längst hinter uns.

Veröffentlicht von Fabulous Female Cyclists

Ich bin gerade 14 Monate mit dem Fahrrad unterwegs. Berlin-Sydney

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